Stellen Sie sich vor, Sie bekommen ein Medikament, das eigentlich für eine andere Person bestimmt war. Oder Sie nehmen jeden Tag eine Tablette, obwohl der Arzt nur einmal pro Woche verschrieben hat. Solche Fehler passieren - und sie sind gefährlicher, als die meisten denken. In Krankenhäusern und Apotheken passieren Medikationsfehler mit unterschiedlicher Häufigkeit, Art und Folgen. Wer glaubt, dass Apotheken sicherer sind, liegt falsch. Wer denkt, Krankenhäuser sind chaotisch, hat nur die halbe Wahrheit.
Wie oft passieren Fehler?
In deutschen Krankenhäusern ist fast jeder fünfte Medikamentenverabreichungsschritt fehlerhaft. Studien zeigen, dass in durchschnittlichen Kliniken bis zu 20 % der verabreichten Dosen etwas falsch haben - ob es die richtige Dosis, den richtigen Zeitpunkt oder das richtige Medikament betrifft. Das klingt erschreckend. Aber hier gibt es ein entscheidendes Sicherheitsnetz: Die Pflegekräfte prüfen vor der Gabe nochmal, ob das Medikament zum Patienten passt. Sie vergleichen den Arztbefehl mit dem Medikament, scannen Barcodes, fragen nach Namen und Geburtsdatum. Wenn etwas nicht stimmt, wird es gestoppt.
In der Apotheke ist es anders. Hier passieren deutlich weniger Fehler - etwa 1,5 % aller verschriebenen Rezepte enthalten einen Dispensierfehler. Das klingt gut, aber rechnen Sie mal nach: In Deutschland werden jährlich über 1,2 Milliarden Rezepte abgegeben. Das bedeutet: Rund 18 Millionen Fehler pro Jahr. Und hier gibt es keine Pflegekraft, die nachfragt. Der Patient ist der letzte Kontrollpunkt. Wenn er nicht genau liest, was auf dem Etikett steht, oder nicht versteht, was der Arzt gemeint hat, bleibt der Fehler unentdeckt.
Welche Fehler passieren wo?
In Apotheken sind die häufigsten Fehler: das falsche Medikament, die falsche Dosis oder falsche Anweisungen. Ein typischer Fall: Ein Patient bekommt Estradiol, das eigentlich nur einmal pro Woche eingenommen werden soll. Auf dem Etikett steht aber „einmal täglich“. Der Patient nimmt es jeden Tag - und erleidet eine hormonelle Überdosis. Solche Fehler entstehen oft durch Schreibfehler bei der Übertragung des Rezepts, oder weil der Apotheker unter Zeitdruck arbeitet und sich ablenken lässt. 80 % dieser Fehler sind kognitive Fehler - also menschliche Irrtümer, die durch schlechte Arbeitsbedingungen, schlechte Software oder Überlastung ausgelöst werden.
In Krankenhäusern sind die Fehler vielfältiger. Sie passieren nicht nur beim Abgeben, sondern auch beim Verschreiben, Übertragen und Verabreichen. Häufige Probleme: Ein Arzt verschreibt „10 mg“, aber die Krankenschwester liest „100 mg“. Oder ein Medikament wird zu spät gegeben, weil die Station überlastet ist. Oder ein Patient bekommt ein Antibiotikum, das mit einem anderen Medikament, das er schon nimmt, gefährlich interagiert. Hier sind die Fehler oft komplexer, weil die Patienten schwerer krank sind und mehrere Medikamente gleichzeitig brauchen.
Warum sind Apothekenfehler oft gefährlicher?
Ein Fehler in der Apotheke hat oft schwerwiegendere Folgen, weil er unbemerkt bleibt. In der Klinik wird ein Fehler meistens noch vor der Einnahme erkannt. In der Apotheke nicht. Ein Patient mit Diabetes bekommt statt Insulin ein Medikament gegen Bluthochdruck - und merkt es erst, wenn er bewusstlos wird. Ein älterer Mensch nimmt ein Schmerzmittel, das seine Nieren schädigt, weil er nicht versteht, dass er es nur alle drei Tage einnehmen soll. Solche Fehler führen zu Notaufnahmen, Krankenhausaufenthalten oder sogar zum Tod.
Ein Studie des NIH aus dem Jahr 2007 zeigt: Obwohl nur 1 von 10.000 Rezepten einen schwerwiegenden Dispensierfehler enthält, führt jeder dritte davon zu einem Krankenhausaufenthalt. Das ist eine extrem hohe Schadensquote. In Krankenhäusern ist die Rate an schweren Fehlern zwar höher, aber die Sicherheitsmechanismen verhindern, dass sie den Patienten erreichen. In der Apotheke gibt es diese Puffer nicht.
Wie wird gemeldet - und warum ist das wichtig?
Krankenhäuser haben in den letzten 20 Jahren komplexe Melde- und Auswertesysteme aufgebaut. Jeder Fehler - egal ob klein oder groß - wird dokumentiert. Die Apothekenabteilung analysiert, warum er passiert ist, und passt Prozesse an. In einem großen Universitätsklinikum werden monatlich über 100 Medikationsfehler gemeldet. Das klingt viel, ist aber ein Zeichen für eine starke Sicherheitskultur: Wer meldet, wird nicht bestraft, sondern unterstützt.
In Apotheken war das lange anders. Viele Apotheker melden Fehler nicht, aus Angst vor Konsequenzen, Scham oder weil sie glauben, „es war nur ein kleiner Fehler“. Doch seit 2020 gibt es in Deutschland Pilotprojekte, die eine freiwillige, anonyme Meldestelle für Apothekenfehler einführen. Einige Bundesländer, wie Bayern und Baden-Württemberg, haben bereits Regelungen, dass Apotheken Fehler dokumentieren müssen. Doch die Melderate bleibt niedrig. Das ist das größte Problem: Wenn wir nicht wissen, wie oft und warum Fehler passieren, können wir sie nicht verhindern.
Was hilft wirklich - und was nicht?
In Krankenhäusern hat sich die Barcode-Systeme zur Medikamentenverabreichung als Rettung erwiesen. Bevor ein Medikament gegeben wird, scannen Pflegekräfte den Armband des Patienten und das Medikament. Wenn die Daten nicht übereinstimmen, gibt das System einen Alarm. Studien zeigen: Das reduziert Fehler um bis zu 86 %. Auch elektronische Rezepte, die direkt vom Arzt an die Krankenhausapotheke gesendet werden, verhindern viele Schreibfehler.
In Apotheken helfen digitale Systeme genauso. Die neue Generation von Apotheken-Software warnt jetzt automatisch, wenn ein Rezept eine gefährliche Dosis enthält, oder wenn ein Medikament mit anderen, die der Patient nimmt, interagiert. Ein Beispiel: CVS Health hat 2022 eine KI-basierte Prüfsoftware eingeführt - und konnte Dispensierfehler um 37 % senken. In Deutschland testen große Apothekenketten ähnliche Systeme. Doch viele kleine Apotheken haben nicht das Geld oder die IT-Kapazität dafür.
Ein weiterer wichtiger Punkt: Bessere Aufklärung der Patienten. Ein Patient, der versteht, was er nimmt und warum, ist weniger anfällig für Fehler. Apotheken sollten nicht nur das Medikament aushändigen, sondern auch fünf Minuten Zeit nehmen, um die Anwendung zu erklären - besonders bei neuen Medikamenten, bei älteren Patienten oder bei komplexen Therapien.
Was wird sich ändern - und wie?
Die Zukunft liegt in der Vernetzung. Bald wird ein Rezept, das in der Apotheke eingelöst wird, automatisch in die elektronische Patientenakte des Arztes eingetragen. Wenn ein Patient in der Klinik aufgenommen wird, sieht der Arzt sofort, welche Medikamente er zu Hause nimmt - und kann Wechselwirkungen vermeiden. Die EU plant bis 2027 eine einheitliche digitale Gesundheitskarte, die alle Medikationen speichert. Das könnte Tausende von Fehlern verhindern.
Auch die Ausbildung wird sich ändern. Apotheker werden heute nicht mehr nur auf Rezeptur geschult, sondern auch auf Kommunikation, Risikobewertung und Fehlermanagement. In Stuttgart und anderen Großstädten gibt es bereits Simulations-Trainings, bei denen Apotheker lernen, wie sie unter Stress richtig reagieren - ohne zu übersehen, was wichtig ist.
Die größte Veränderung aber ist kulturell: Es geht nicht mehr darum, wen man beschuldigt. Es geht darum, Systeme so zu bauen, dass Menschen nicht mehr irren können - oder wenn sie irren, der Fehler nicht zum Unglück wird.
Was können Sie tun?
Sie sind nicht nur Passagier im Gesundheitssystem - Sie sind der letzte Schutz. Wenn Sie ein neues Medikament bekommen:
- Lesen Sie das Etikett genau - nicht nur die Dosierung, sondern auch die Anweisungen.
- Frage nach: „Wofür ist dieses Medikament?“ und „Wie oft und wann nehme ich es?“
- Halten Sie eine Liste aller Medikamente, die Sie einnehmen - inklusive Vitamine und pflanzliche Mittel.
- Bringen Sie diese Liste mit, wenn Sie zum Arzt gehen oder ins Krankenhaus kommen.
- Wenn etwas nicht stimmt - sagen Sie es. Es ist nicht unhöflich, nachzufragen. Es ist lebenswichtig.
Ein kleiner Fehler kann große Folgen haben. Aber ein aufmerksamer Patient kann ihn verhindern - egal ob er in der Apotheke oder im Krankenhaus passiert ist.
Wie viele Medikationsfehler passieren jährlich in deutschen Apotheken?
In Deutschland werden jährlich etwa 1,2 Milliarden Rezepte abgegeben. Bei einer Fehlerquote von 1,5 % entspricht das rund 18 Millionen Dispensierfehlern pro Jahr. Die meisten davon sind klein und werden vom Patienten bemerkt - aber ein Teil führt zu schwerwiegenden Gesundheitsproblemen, besonders bei Medikamenten wie Blutverdünnern, Insulin oder Epilepsie-Medikamenten.
Warum sind Fehler in Krankenhäusern häufiger, aber weniger gefährlich?
In Krankenhäusern passieren mehr Fehler - bis zu 20 % der Medikamentenverabreichungen sind fehlerhaft. Doch weil dort mehr Kontrollen existieren - wie Barcode-Scans, doppelte Prüfungen durch Pflegekräfte und elektronische Systeme - werden die meisten Fehler noch vor der Einnahme erkannt und abgefangen. Die Fehlerrate ist hoch, aber die Schadensrate niedrig. In der Apotheke ist es umgekehrt: Weniger Fehler, aber mehr, die unbemerkt zum Patienten gelangen.
Welche Medikamente sind am häufigsten von Fehlern betroffen?
Am häufigsten betroffen sind Medikamente mit schmalen therapeutischen Fenstern - also solche, bei denen kleine Dosisunterschiede große Wirkungen haben. Dazu gehören Blutverdünner wie Warfarin, Insulin, Epilepsie-Medikamente, Chemotherapeutika und Herzmedikamente wie Digoxin. Auch Antibiotika und Schmerzmittel wie NSAIDs werden oft falsch verabreicht, besonders bei älteren Patienten mit mehreren Erkrankungen.
Können digitale Systeme Medikationsfehler wirklich verhindern?
Ja - aber nur, wenn sie richtig eingesetzt werden. Barcode-Systeme in Krankenhäusern reduzieren Fehler um bis zu 86 %. KI-gestützte Apotheken-Software, die Wechselwirkungen und falsche Dosen erkennt, senkt die Fehlerquote um 30-40 %. Doch Technik allein reicht nicht. Sie muss mit guter Schulung, ausreichend Personal und einer Kultur des Meldens kombiniert werden. Sonst wird sie ignoriert oder umgangen.
Was ist der größte Risikofaktor für Apothekenfehler?
Der größte Risikofaktor ist nicht die Unfähigkeit des Apothekers, sondern die Arbeitsbedingungen: Zeitdruck, hohe Arbeitsbelastung, häufige Unterbrechungen und schlecht gestaltete Software. Ein Apotheker, der in einer Minute zehn Rezepte abwickeln muss, während er gleichzeitig telefoniert und Patienten berät, wird zwangsläufig Fehler machen. Die Lösung ist nicht mehr Personal - sondern bessere Prozesse, weniger Ablenkung und digitale Unterstützung.
Geschrieben von Tomás Leitner
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