Wenn du Blutdruckmedikamente nimmst, solltest du aufpassen, wenn du Lakritzwurzel konsumierst - egal ob als Tee, Süßigkeit oder Nahrungsergänzung. Die Wirkung deiner Medikamente kann deutlich schwächer werden, und dein Blutdruck kann unkontrolliert in die Höhe schnellen. Das ist kein theoretisches Risiko. Es passiert wirklich, und oft zu spät, um es zu verhindern.
Was macht Lakritzwurzel eigentlich mit deinem Körper?
Lakritzwurzel (Glycyrrhiza glabra) sieht unschuldig aus: süß, aromatisch, oft in Tees, Bonbons oder Hustensirup zu finden. Doch der Hauptwirkstoff, Glycyrrhizin, ist kein harmloser Geschmacksverstärker. Er mimt die Wirkung von Aldosteron, einem Hormon, das deine Nieren dazu bringt, mehr Salz und Wasser zurückzuhalten und Kalium auszuscheiden. Das führt zu einem Anstieg des Blutvolumens - und damit zu einem höheren Blutdruck.
Das Problem: Deine Blutdruckmedikamente arbeiten genau entgegen. Sie sollen das Blutvolumen senken, die Blutgefäße weiten oder die Hormone blockieren, die den Blutdruck hochtreiben. Lakritzwurzel sabotiert das. Eine Studie aus dem Jahr 2011 zeigte: Bei Menschen mit bereits erhöhtem Blutdruck kann die Einnahme von Lakritzwurzel den systolischen Wert um bis zu 30 mmHg ansteigen lassen. Das ist so viel, als würde man plötzlich zwei Medikamente absetzen.
Wie genau stört Lakritzwurzel deine Medikamente?
Es ist nicht nur eine allgemeine Störung - Lakritzwurzel greift gezielt in die Wirkmechanismen der wichtigsten Blutdruckmedikamente ein.
- ACE-Hemmer wie Lisinopril oder Enalapril: Ihre Wirkung sinkt um 30 bis 50 %. Sie können den Blutdruck nicht mehr richtig senken, weil Lakritz die Flüssigkeitsansammlung verstärkt - genau das, was ACE-Hemmer verhindern sollen.
- ARBs wie Losartan oder Valsartan: Hier sinkt die Wirksamkeit um etwa 25 %. Auch diese Medikamente blockieren Hormone, die den Blutdruck erhöhen - doch Lakritz bringt eine völlig andere, hormonelle Wirkung mit, die sie überwältigt.
- Calciumantagonisten wie Amlodipin: Ihre Wirkung wird um 15 bis 20 % geschwächt. Die Blutgefäße bleiben enger, als sie sein sollten.
- Kaliumsparende Diuretika wie Spironolacton: Das ist der gefährlichste Fall. Lakritzwurzel kann die Wirkung von Spironolacton innerhalb von 7 bis 10 Tagen komplett aufheben. Das führt nicht nur zu hohem Blutdruck, sondern auch zu extrem niedrigem Kalium - was Herzrhythmusstörungen auslösen kann.
Ein Fallbericht aus dem Jahr 2020 beschreibt einen Patienten, der nach 10 Tagen Lakritztee mit Spironolacton einen Blutdruck von 210/115 mmHg hatte - und Panikattacken. Er musste ins Krankenhaus.
Wie viel Lakritz ist gefährlich?
Du denkst vielleicht: „Ich esse doch nur ab und zu ein Bonbon.“ Aber das reicht oft schon.
Die Europäische Lebensmittelsicherheitsbehörde (EFSA) sagt: Ab 100 mg Glycyrrhizin pro Tag über zwei Wochen oder länger beginnen die Risiken. Das entspricht ungefähr 50 Gramm echtem Lakritzbonbon - also zwei Tafeln pro Woche. Aber: Viele Menschen trinken täglich Lakritztee. Eine Tasse kann bis zu 30 mg Glycyrrhizin enthalten. Bei drei Tassen am Tag bist du schon bei 90 mg - fast am Grenzwert.
Und hier kommt das große Problem: Die Menge schwankt extrem. Ein Produkt mit „Lakritz“ auf der Packung kann zehnmal mehr Glycyrrhizin enthalten als ein anderes. Einige Tees haben 20 mg pro Beutel, andere nur 2 mg. Kein Hersteller muss die genaue Menge angeben - in den USA und auch in Deutschland nicht. Du weißt es einfach nicht.
Was ist mit „Lakritzgeschmack“? Ist das sicher?
Ja - und nein.
In den USA enthalten etwa 95 % der „Lakritz“-Bonbons gar keine echte Lakritzwurzel. Stattdessen wird Anisöl oder Fenchel verwendet - das schmeckt ähnlich, aber es hat keine Wirkung auf den Blutdruck. In Europa ist das weniger klar. In Deutschland, Österreich und der Schweiz ist echte Lakritzwurzel in vielen Süßigkeiten noch Standard.
Was du prüfen musst: Die Zutatenliste. Wenn da steht „Lakritzextrakt“ oder „Glycyrrhiza glabra“ - dann ist es gefährlich. Wenn es „Aromen“ oder „Anisöl“ steht, ist es meist sicher. Aber: Auch in Kräutertees, Hustensirupen oder Nahrungsergänzungsmitteln kann sie versteckt sein. 30 % der pflanzlichen Abführmittel und 25 % der traditionellen chinesischen Rezepturen enthalten Lakritzwurzel - oft ohne dass der Kunde es ahnt.
Was passiert, wenn du es trotzdem isst?
Die Folgen sind nicht nur theoretisch. Sie sind dokumentiert - in Krankenhäusern, in Fallberichten, in Foren von Betroffenen.
- Ein 68-Jähriger aus den USA berichtete auf der Website der American Heart Association, wie sein Blutdruck von 130/80 auf 185/105 stieg - nach nur 10 Tagen Lakritztee mit Lisinopril.
- Ein Reddit-Nutzer mit Amlodipin sah seinen systolischen Wert in zwei Wochen um 22 Punkte steigen - nur weil er „echtes Lakritz“-Bonbon aß, das er für harmlos hielt.
- Ein Patient in Neuseeland musste ins Krankenhaus, weil sein Blutdruck auf 210/115 kletterte - und sein Kaliumwert auf 2,8 mmol/L fiel (normal: 3,5-5,0). Er hatte täglich Lakritztee getrunken, während er Fludrocortison nahm.
92 % der Nutzer, die auf Patientenforen über diese Kombination schreiben, berichten von Verschlechterung. Nur zwei von 147 Bewertungen auf WebMD erwähnen eine positive Erfahrung - beide beschreiben, wie sie den Blutdruck nach Absetzen der Lakritzwurzel wieder kontrollieren konnten.
Was kannst du tun?
Es gibt nur eine sichere Regel: Wenn du Blutdruckmedikamente nimmst, vermeide alle Produkte mit echter Lakritzwurzel.
Praktische Tipps:
- Prüfe immer die Zutatenliste - nicht nur bei Süßigkeiten, sondern auch bei Tees, Nahrungsergänzungsmitteln, Hustensirupen und sogar Tabakprodukten.
- Frage deinen Apotheker. Viele kennen die versteckten Quellen. Frag spezifisch: „Enthält dieses Produkt Glycyrrhiza glabra?“
- Wähle DGL (deglycyrrhizinierte Lakritzwurzel) - wenn du Lakritz für Magenprobleme brauchst. DGL enthält weniger als 1 % Glycyrrhizin und ist für Blutdruckpatienten in der Regel sicher.
- Überprüfe deinen Kaliumspiegel. Wenn du trotzdem ab und zu Lakritz isst (was nicht empfohlen wird), solltest du alle zwei Wochen den Blutkaliumwert checken lassen. Ein Wert unter 3,0 mmol/L ist ein Warnsignal.
- Vermeide „natürliche“ Heilmittel ohne Rücksprache. Viele Kräuterprodukte enthalten Lakritz als „Trägerstoff“ - weil sie „beruhigend“ oder „entzündungshemmend“ wirken sollen. Das ist kein Grund, es zu nehmen.
Was ist mit der Zukunft?
Die FDA plant ab 2023 eine neue Regelung: Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln müssen die Konzentration aktiver Inhaltsstoffe wie Glycyrrhizin auf der Packung angeben. Das wäre ein großer Schritt. Bis dahin: Vertrau nicht auf Etiketten mit „natürlich“ oder „pflanzlich“. Sie sagen nichts über die Gefahr.
Die Europäische Union hat es schon vorgemacht: Seit 2012 müssen Produkte mit mehr als 10 mg Glycyrrhizin pro Portion einen Warnhinweis tragen. In Deutschland ist das nicht verpflichtend - und viele Verbraucher wissen das nicht.
Was ist der Schlüssel?
Du nimmst Blutdruckmedikamente, weil du dein Leben nicht riskieren willst. Du willst nicht ins Krankenhaus, weil ein Bonbon oder ein Tee deine Medikamente außer Kraft gesetzt hat. Lakritzwurzel ist kein harmloser Naturheilmittel - sie ist ein starker, aber versteckter Gegenspieler deiner Therapie.
Die gute Nachricht: Die Lösung ist einfach. Du musst nichts kompliziertes tun. Du musst nur vermeiden. Kein Lakritztee. Kein echtes Lakritzbonbon. Keine Nahrungsergänzung mit Glycyrrhiza glabra. Punkt.
Dein Blutdruck wird es dir danken. Und du wirst nicht plötzlich mit einem Notarzt vor der Tür stehen, weil du dachtest, „natürlich“ bedeutet „sicher“.
Kann ich Lakritzwurzel als Tee trinken, wenn ich Blutdruckmedikamente nehme?
Nein. Selbst eine Tasse Lakritztee pro Tag kann die Wirkung deiner Blutdruckmedikamente innerhalb weniger Wochen deutlich schwächen. Die Glycyrrhizin-Menge in Tees variiert stark - manche Beutel enthalten bis zu 30 mg pro Tasse. Bei täglichem Konsum liegt man schnell über der sicheren Grenze von 100 mg pro Tag. Besser: Auf Anistee oder Fencheltee umsteigen.
Enthalten alle Lakritzbonbons echte Lakritzwurzel?
Nein. In den USA enthalten etwa 95 % der „Lakritz“-Bonbons nur Anisöl oder Fenchel und sind sicher. In Deutschland und anderen europäischen Ländern ist echte Lakritzwurzel häufiger enthalten. Prüfe immer die Zutatenliste: „Glycyrrhiza glabra“ oder „Lakritzextrakt“ = gefährlich. „Aromen“ oder „Anisöl“ = meist sicher.
Was ist mit DGL-Lakritz? Ist das sicher?
Ja, DGL (deglycyrrhizinierte Lakritzwurzel) ist in der Regel sicher, wenn du Blutdruckmedikamente nimmst. Es enthält weniger als 1 % Glycyrrhizin und wird oft bei Magenproblemen verwendet. Achte aber darauf, dass das Produkt wirklich „DGL“ steht - nicht nur „Lakritz“. Einige Hersteller nutzen den Begriff irreführend.
Wie lange dauert es, bis die Wirkung von Lakritzwurzel nachlässt?
Glycyrrhizin hat eine Halbwertszeit von etwa 14 Stunden, aber seine Wirkung auf die Nieren und den Blutdruck kann bis zu zwei Wochen anhalten, nachdem du aufgehört hast, es zu konsumieren. Das bedeutet: Selbst wenn du es nur kurz genommen hast, solltest du deine Blutdruckwerte mindestens zwei Wochen lang genau beobachten und deinen Arzt informieren.
Warum warnen Apotheken und Ärzte nicht öfter davor?
Weil viele Patienten Lakritzwurzel nicht als Medikament sehen - sondern als „natürliches“ Lebensmittel oder Tee. Außerdem ist die Kennzeichnung unzureichend. Ein 2021-Studie zeigte: Nur 37 % der Nahrungsergänzungsmittel mit Lakritzwurzel warnen vor Blutdruckwechselwirkungen. Viele Ärzte wissen es auch nicht, wenn der Patient nicht selbst darauf anspricht. Deshalb: Sprich es aktiv an.
Kann ich Lakritzwurzel absetzen und dann wieder anfangen?
Nein. Jeder erneute Konsum bringt das Risiko erneut mit sich. Selbst wenn dein Blutdruck nach dem Absetzen wieder normal war, ist deine Empfindlichkeit nicht verschwunden. Jede erneute Einnahme kann dieselbe gefährliche Wirkung auslösen - und das ist kein Spiel mit dem Körper.
Geschrieben von Tomás Leitner
Zeige alle Beiträge von: Tomás Leitner